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„Es ist an uns, die Gesellschaft zu verteidigen, in der wir leben möchten.
Damit wir nicht eines Tages durch die Trümmer des Regierungsviertels laufen, wie durch ein Stonehenge aus Schrankwänden.“
(Henrike Naumann, anlässlich der Ausstellung „Innere Sicherheit“ im Mauermahnmal des deutschen Bundestages, 2024)
Die Künstlerin Henrike Naumann ist am 14. Februar nach schwerer Krankheit gestorben.
Die in Zwickau geborene Installationskünstlerin studierte Bühnenbild in Dresden und Szenografie in Potsdam. Im Zentrum ihres künstlerischen Forschens stand die deutsch-deutsche Wiedervereinigung – mit all ihren Widersprüchen zwischen Identität und kollektivem (Un-)Bewussten. In Arrangements aus Möbelstücken und Second Hand-Objekten in zeitspezifischem Alltagsdesign spürte sie den Zusammenhängen von Inneneinrichtung und soziopolitischen Fragestellungen, Ideologien und Machtstrukturen nach und legte dabei eine Archäologie des gerade erst Vergessenen und Verdrängten frei. Die Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im Jahr 2011 in ihrer Heimatstadt Zwickau bezeichnete sie selbst als Schlüsselereignis ihrer künstlerischen Praxis.
Zur documenta fifteen (2022) entwickelte sie gemeinsam mit dem Musiker Bastian Hagedorn auf Einladung des haitianischen Kollektivs Atis Rezistans/Ghetto Biennale die Installation Museum of Trance. Direkt vor der Kirchenorgel auf der Empore von St. Kunigundis installiert, erinnerte die brachiale Konstruktion an einen postmodernen Flügelaltar: Bestehend aus einer glänzenden 90er Jahre-Schrankwand mit Rauchglastüren, metallenen Orgelpfeifen, CD-Regalen und integrierten Lautsprechern, ließ sie in regelmäßigen Abständen einen bedrohlich vibrierenden Sound durch das entkernte Kirchenschiff grollen und erinnerte damit an die Techno-Kultur der 90er Jahre und den damals legendären Club Stammheim, der (bis 1994 unter dem Namen Aufschwung Ost) in der Kulturfabrik Salzmann in Kassel Bettenhausen betrieben wurde.
Erst im vergangenen Jahr wählte die Kuratorin Kathleen Reinhardt Henrike Naumann aus, gemeinsam mit der vietnamesisch-deutschen Künstlerin Sung Tieu den Deutschen Pavillon der diesjährigen Biennale in Venedig (9. Mai bis 22. November 2026) zu bespielen. Ihr Beitrag wird dort nach ihrer Vision posthum realisiert.
Henrike Naumann wurde 41 Jahre alt.

