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Mit großer Trauer haben wir vom Tod von Melvin Edwards erfahren. Noch vor wenigen Monaten haben wir ihn anlässlich der von Luise von Nobbe und Moritz Wesseler kuratierten Retrospektive „Some Bright Morning“ im Fridericianum als beeindruckende Künstlerpersönlichkeit erleben können und ihn als offenen und überaus nahbaren Menschen kennengelernt. Seine Warmherzigkeit hat uns – und alle, die ihm in diesen Tagen in Kassel begegnet sind – bewegt und zutiefst berührt.
In seinem skulpturalen und zeichnerischen Werk bewegte sich Melvin Edwards über Jahrzehnte an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration. Mit großer Sensibilität reflektieren seine geschweißten Plastiken und Reliefs aus Stahl und Schrottmetall – darunter die berühmte, 1963 begonnene Serie Lynch Fragments – die lange und verheerende Geschichte der Gewalt gegen die schwarze Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Aus Maschinenteilen, Schlössern, Werkzeugen und Eisenketten entstehen Chiffren menschlicher Körper und Evokationen des Leids von besonderer physischer Intensität – abstrakte Assemblagen, denen zugleich Sinnlichkeit, Menschlichkeit und Würde innewohnen.
1970 widmete das Whitney Museum Melvin Edwards seine erste Einzelausstellung – ein Meilenstein in seiner Karriere und eine Ehre, die ihm als erstem afroamerikanischen Künstler in einer weiß dominierten Kunstwelt zuteilwurde. Im gleichen Jahr begann er seine Reisen nach Afrika, die er bis zum Ende seiner Karriere fortsetzte. Neben seinen Ateliers in Plainview, New Jersey, und Accord, New York, die er bis zuletzt nutzte, wurde die senegalesische Hauptstadt Dakar von da an zu einem zentralen Ort seiner Arbeit und künstlerischen Inspiration.
Neben Okwui Enwezor verband Melvin Edwards auch eine enge Zusammenarbeit mit Naomi Beckwith. Enwezor zeigte während seiner Zeit als Direktor am Haus der Kunst in München eine Auswahl von Edwards’ Stahlskulpturen innerhalb der Ausstellung Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945–1965 (2016/2017). Auch in Enwezors Vermächtnis – der von ihm konzipierten und nach seinem Tod von Beckwith zu Ende geführten Ausstellung Grief and Grievance: Art and Mourning in America (2021) im New Yorker New Museum – nahm Edwards einen zentralen Platz ein. Im vergangenen Jahr schließlich war die Kasseler Retrospektive in einer von Beckwith für das Palais de Tokyo angepassten Schau auch in Paris zu sehen.


Moritz Wesseler, Direktor Fridericianum:
„Wir trauern um Melvin Edwards. In einem vertrauensvollen und herzlichen Dialog sowie mit großer Leidenschaft erarbeitete er gemeinsam mit dem Team des Fridericianum seine erste umfassende Retrospektive in Europa, die von Kassel aus in die Kunsthalle Bern und weiter in das Palais de Tokyo in Paris tourte. Anhand von Werkgruppen wie den „Lynch Fragments“ machte die Ausstellung unmittelbar erfahrbar, wie Edwards mit seiner abstrakt-minimalistischen Formensprache rassistische Gewalterfahrungen, aber auch den Widerstand afroamerikanischer Menschen in den USA zu einem eindringlichen und ergreifenden Ausdruck bringt. In großer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von einem einflussreichen und zugleich nahbaren Künstler und Freund.”
Naomi Beckwith, Künstlerische Leitung documenta 16
„I am utterly saddened by the passing of Melvin Edwards, who was, til the very end of his life, full of ideas and energy. Edwards will be remembered for works that sublimated industrial detritus into forms that reminded society of our capacity for cruelty and division. But he should be remembered, equally, for his ability to make those same objects tender, musical, and wondrous and for his commitment, as a global-minded artist, to freedom through and with the arts.”
Andreas Hoffmann, Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum gGmbH:
„Mit Melvin Edwards verlässt uns ein herausragender Künstler und ein wunderbarer Mensch. Es war uns eine große Ehre, ihn im Programm des Fridericianum präsentieren zu können. Dass die Künstlerische Leitung der documenta 16 die Kasseler Ausstellung in ihre „American Season“ im Palais de Tokyo in Paris aufgenommen hat, zeigt, wie institutionelle Verbindungen auf der Basis von Anerkennung und Freundschaft internationale Wirksamkeit entfalten.”
