Timm Ulrichs (1940–2026)

„Denken Sie immer daran mich zu vergessen“
(Timm Ulrichs, Grabsteinskulptur mit Inschrift, 1969)

Timm Ulrichs, der Bildhauer, Aktionskünstler, Wort-Artist, der intermediale „Totalkünstler“, „Universal-Dilettant“ und die vielleicht zentralste Randfigur der deutschen Kunst ist wenige Wochen nach seinem 86. Geburtstag gestorben. Eine Neuigkeit, die bei Bekanntwerden gewiss bei vielen Skepsis ausgelöst haben dürfte. Angesichts der Konsequenz und der programmatischen Totalität, mit der er jeden Aspekt seines Lebens, sein Denken und Handeln, seine Aktionen, den eigenen Körper, die Oberfläche seiner Haut und – schon vor Jahrzehnten auch den eigenen Tod – zum Thema und Medium seiner Kunst erklärte, drängten sich die offensichtlichen Fragen regelrecht auf: Ist es wirklich geschehen? Oder ist es nur eine Finte, eine weitere Kunstaktion des humorvollen künstlerischen Querulanten? Eine Unterscheidung, die Ulrichs selbst niemals gelten lassen hätte.

Bereits 1961 präsentierte er sich als „Erstes lebendes Kunstwerk“ im schwarzen Anzug in einer Glasvitrine. Ergänzt wurde das Konzept später durch eine ironisch-sachliche Zusammenstellung amtlicher und medizinischer Dokumente: von der Geburtsurkunde über Schulzeugnisse, Konfirmationsurkunde, Impfscheine und Röntgenbilder bis hin zum eigenen Leichenschauschein, dessen Vordruck er bereits im Alter von 26 Jahren als seine letzte „Totalkunst-Demonstration“ vorherbestimmte: „Die fehlenden Daten [Ort und Zeitpunkt des Todes] sind zu gegebener Zeit nachzutragen.“

Solche Aktionen waren damals noch weit vom Kunstbetrieb entfernt, und so verwundert es kaum, dass auch die Kasseler documenta zunächst einen Bogen um den Totalkünstler aus Hannover machte – was diesen jedoch keineswegs abschreckte: Zur Eröffnung der documenta 3 (1964) verteilte er als ungeladener Gast 2000 Manifeste seiner Kunstauffassung und proklamierte mithilfe aufgeklebter Plaketten Verkehrsschilder und andere Objekte des Stadtraums kurzerhand zu Kunst. Seine ebenso selbstbewusste wie kritische Haltung gegenüber der Ausstellung gibt der junge Künstler im sehenswerten Fernsehfilm von Gottfried Sello vor laufender Kamera zu Protokoll (Das Museum der 100 Tage – Erster Bericht von der documenta 3 in Kassel, Hessischer Rundfunk, 1964).

Einen offiziellen Auftritt erhielt er schließlich doch noch bei der documenta 6 (1977) – mit mehreren konzeptuellen Buchobjekten, die als Teil der von Rolf Dittmar und Peter Frank zusammengestellten Sektion Buchkunst in der Kasseler Orangerie zu sehen waren.

Einige Jahre darauf, 1981, ließ sich Timm Ulrichs in einem Frankfurter Tattoo-Studio die Worte „The End“ auf das rechte Augenlid tätowieren: „Ich beschrifte meine Augenlid-Vorhänge […] mit dem Wort ‚Ende’: Schließen sich meine Augen, ist auch mein Augen-Kino beendet. […] Ist der Augenblick zu guter Letzt gekommen, da man mir die Augen zum ewigen Schlaf zudrückt, erscheint auf dem rechten Lid die Schlusspointe: die letzte Vorstellung einer bühnenreif intendierten Lebensführung und -aufführung.“

Der Vorhang hat sich nun zum letzten Mal geschlossen. Doch der letzte Akt steht in Kassel vielleicht noch an. 1992 zählte Ulrichs’ eigenes Grabmal zu den beiden ersten Monumenten der Kasseler Künstlernekropole: Kopfüber in den Waldboden eingesenkt findet sich auf der Unterseite der Erdoberfläche sein Körperabguss aus Bronze. Zu sehen sind nur die Fußabdrücke seiner Hohlfigur, die auch die Asche des Künstlers aufnehmen wird. Warten wir es ab.

Timm Ulrichs, 1997, Foto: Claude Lebus, CC BY-SA 3.0 de