Georg Baselitz (1938–2026)

„Das Problem ist nicht der Gegenstand auf dem Bild, sondern das Bild als Gegenstand.“ (Georg Baselitz)


Wie Ende der vergangenen Woche bekannt wurde, ist Georg Baselitz am 30. April im Alter von 88 Jahren gestorben. Der Maler und Bildhauer, der seit den späten 1960er Jahren für seine kopfüber gestellten Motive bekannt war, zählte zu den international erfolgreichsten deutschen Künstlern der Gegenwart.

Seit den Anfängen seiner Karriere machte Baselitz als widerständiger Charakter auf sich aufmerksam. 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz zur Welt bekommen, begann er 1956 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Walter Womacka (1925–2010) zu studieren. Doch schon bald sollte er ideologisch anecken: Nach zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ der Hochschule verwiesen und wechselte an das West-Berliner Pendant, die Hochschule der Bildenden Künste – heute UdK. Dort studierte er bei Hann Trier (1915–1999), selbst dreifacher documenta-Teilnehmer, dessen informelle Malerei sein eigenes Werk indes kaum prägen sollte.

Gemeinsam mit Eugen Schönebeck proklamierte er Anfang der 1960er Jahre, nun bereits unter dem selbstgewählten Namen „Baselitz“, in zwei Pandämonischen Manifesten die Abkehr von den hergebrachten Formen der Malerei, bevor ihn ein – gut kalkulierter – Kunstskandal ins Licht der Öffentlichkeit katapultierte: Seine erste Einzelausstellung endete 1963 mit der polizeilichen Beschlagnahmung zweier als anstößig empfundener Werke. Der Gerichtsprozess um vermeintliche Pornografie und die Bilder Die große Nacht im Eimer und Nackter Mann schlug bundesweit Wellen und wurde, mit besonderem Augenmerk auf die „Freiheit der Kunst“, auch in der Hessischen Allgemeinen im fernen Kassel aufmerksam verfolgt.

In Kassel war Baselitz ab 1972 bei drei documenta Ausstellungen mit Gemälden und grafischen Arbeiten vertreten; Harald Szeemann, Manfred Schneckenburger und Rudi Fuchs setzten nacheinander auf die Präsentation seiner Bilder und Zeichnungen. Für besondere mediale Resonanz sorgte hierbei die documenta 6 (1977), als er – neben Markus Lüpertz und A.R. Penck – seine Arbeiten aus Protest gegen die Beteiligung von Künstlern der DDR zurückzog.

1980 erfand sich Baselitz als Bildhauer neu, als er im Deutschen Pavillon erstmals mit einer großformatigen Holzplastik (Modell für eine Skulptur, 1980) in Erscheinung trat. Mit Beil und Kettensäge aus Baumstämmen gearbeitete und bemalte Figuren wurden fortan fester Bestandteil seiner Arbeit.

Die biografisch begründete Auseinandersetzung mit den Traumata deutscher Geschichte und nationalen Symbolen, die vor allem in seinem Werk der 1960er und 1970er Jahre eine zentrale Rolle spielte, wurde von der Kritik immer wieder skeptisch aufgenommen. So sah der einflussreiche Kunstkritiker Benjamin Buchloh die Rückkehr zur Figuration und die Bezugnahme auf die Tradition der deutschen Malerei als Anzeichen einer Regression – ein Verdikt, das er 1981 im US-amerikanischen Magazin „October“ ausführlich begründete.

Baselitz selbst, der sich zeitlebens von Vergleichen mit dem Expressionismus der Brücke-Künstler distanzierte, vertrat zur deutschen Malerei eine dezidiert eigene Meinung: „Die Tradition der deutschen Malerei ist die Tradition der hässlichen Bilder.“

Bundeskanzler Gerhard Schröder schien sich daran wenig zu stören. Während seiner Jahre im Kanzleramt wurde die expressive Fingermalerei / Adlerpartitur (1972) – ein kopfüber segelnder Adler auf himmelblauem Grund – zum festen Bestandteil der politischen Ikonografie des Landes. Der einstige Provokateur war, als „Malerfürst“ gefeiert, zum nationalen Vorzeigekünstler geworden.

Zu den zahlreichen Preisen und Ehrungen, die Baselitz erhielt, zählen der Goslarsche Kaiserring (1981) und das Praemium Imperiale der Japan Art Association (2004) – eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen im Feld der bildenden Kunst.

Der Künstler Georg Baselitz, Foto: Erlin Mandelmann, CC BY-SA 3.0