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„Die documenta war ein Versuch, ein bezauberndes Gelände herzustellen, wie in einem Märchen. Ich lese die Grimm-Märchen mit so einem Genuss. Viel lieber als Kunstgeschichte…“ (Rudi Fuchs, 2015)
Mit großer Trauer haben wir vom Tod von Rudi Fuchs erfahren. Der Künstlerische Leiter der documenta 7 (1982) starb am 25. Oktober 2026 im Alter von 84 Jahren in Amsterdam. Fuchs, der sich selbst weniger als Kurator, sondern vor allem als Autor und Schriftsteller verstand, bleibt uns als streitbarer Intellektueller von großem Charme in Erinnerung, dessen Ausstellungspraxis polare Gegensätze und unerwartete künstlerische Begegnungen stets zuließ und suchte.
Als Direktor des Van Abbemuseums in Eindhoven (1975-1987), Gründungsdirektor des Castello di Rivoli bei Turin (1984-1990) sowie Direktor des Gemeentemuseums Den Haag (1987-1992) und des Stedelijk Museums Amsterdam (1993-2003) zählte Fuchs über Jahrzehnte zu den prägenden Akteuren der niederländischen und europäischen Museumslandschaft und zu den maßgeblichen Stimmen der zeitgenössischen Kunst seiner Generation.
Schon früh baute Fuchs Brücken zwischen den Kunstwelten Europas und der USA. Seine Begeisterung galt der Konzeptkunst auf beiden Seiten des Atlantiks ebenso wie den aufkommenden „wilden“ Strömungen der postmodernen Malerei. Entsprechend richtete er die documenta 7, die er gemeinsam mit dem künstlerischen Beirat – Coosje van Bruggen, Germano Celant, Johannes Gachnang und Gerhard Storck – konzipierte, auf (West-)Europa und (Nord-)Amerika aus und rückte dabei die klassischen Gattungen Malerei und Plastik in den Mittelpunkt. So entstand eine Ausstellung der engen Nachbarschaften und Gleichzeitigkeiten, der Berührungen und Überschneidungen, in der unterschiedliche Stile und Generationen aufeinandertrafen. „Meine Haltung ist, dass die Kunstwerke einander berühren und miteinander umgehen, so wie die Leute auf der Straße auch“, erläuterte Fuchs später einmal. Anschaulich wurde dieses Prinzip während der Ausstellung etwa im unmittelbaren Aufeinandertreffen der aufgeschichteten Basaltstelen von Joseph Beuys mit Daniel Burens musikalisch untermalten Wimpelketten und Jörg Immendorffs Brandenburger Tor auf dem Kasseler Friedrichsplatz.
Die durchaus provokante Bezeichnung „Pluralist“, die ihm ein befreundeter Kunsthändler zuschrieb, nahm Fuchs widerspruchslos an und machte sie sich zur Haltung. „Der Versuch der documenta-Ausstellung war […] zu erklären, dass Baselitz gut ist, auch im Vergleich mit Judd. Das ist wichtig! Ich bin in meinem tiefsten Innern Lehrer und Erzähler.“
Ganz in diesem Sinne verfasste Fuchs im Vorfeld der Ausstellung einen langen Brief an alle teilnehmenden Künstler*innen. Darin beschreibt er die documenta 7 als literarische Erzählung, die sich im Modus der vergleichenden Gegenüberstellung entfaltet wird:
„Wir werden die Räume so installieren, daß jeweils Arbeiten von mehreren Künstlern zusammenkommen können. Ein festes Muster gibt es dafür nicht, es soll ja keine theoretische Ausstellung werden. (…) Wer wem dann begegnet und wo: das genau ist unsere Erzählung, in der wir über unsere Erfahrungen berichten wollen, unsere Begegnungen im Wald der Künste.
Herzliche Grüße
Rudi Fuchs“
Die documenta 7 hat in Kassel bleibende Spuren hinterlassen: Die monumentale Spitzhacke von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen steht bis heute am Ufer der Fulda, und mit Joseph Beuys’ Projekt „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ nahm ein Werk seinen Ausgang, das das Erscheinungsbild der Stadt so nachhaltig geprägt hat wie kaum ein anderes Kunstwerk.
