Rune Mields (1935–2026)

In der Stille des Habichtswaldes windet sich ein mäanderndes Band aus quadratischen Steinblöcken durch Gras und Laub einer Lichtung. Beim Abschreiten der steinernen Quader offenbart sich die in klassischen Majuskeln eingelassene Inschrift „LA VITA CORRE COME RIVO FLUENTE“ (Das Leben verläuft wie ein Fluss). Es handelt sich um das 1992 realisierte Grabmonument der documenta Teilnehmerin Rune Mields. Schon als die Planungen für die Kasseler Künstlernekropole konkrete Formen annahmen, zählte sie – neben Timm Ulrichs – zu den ersten Künstler*innen, die für das ungewöhnliche Vorhaben ein eigenes Grabmal gestalteten. Nun ist die Kölner Künstlerin im Alter von 91 Jahren gestorben.

Als Autodidaktin – und vierfache Mutter: eine Ausnahme im damaligen Kunstbetrieb – avancierte die gelernte Buchhändlerin seit Ende der 1960er Jahre zu einer der prägenden Persönlichkeiten innerhalb der rheinischen Kunstszene. Eine bedeutende Station hierbei war der Kunstverein Gegenverkehr – Zentrum für aktuelle Kunst in Aachen, den sie 1969 an der Seite von Klaus Honnef gründete und der sich binnen kürzester Zeit zu einem der innovativsten Ausstellungsorte seiner Zeit entwickelte. Gerhard Richter feierte hier seine Ausstellungspremiere, und auch Künstler wie Peter Brüning, Jan Dibbets, Stanley Brouwn, Lawrence Weiner, Daniel Spoerri und nicht zuletzt Rune Mields selbst traten hier, abseits der etablierten Kunstzentren, erstmals mit Einzelausstellungen an die Öffentlichkeit – lange bevor sie die große Bühne der documenta betraten. 1970 holten Honnef und Mields, damals auch privat ein Paar, mit der Schau Umwelt-Akzente die Kunstprominenz ins Eifelstädtchen Monschau, wo sie erstmals in Deutschland ein ortsspezifisches Ausstellungsprojekt im urbanen Raum realisierten.

Künstlerisch bewegte sich Mields Anfang der 1970er Jahre zwischen minimalistischer Malerei und Konzeptkunst. Ihre schwarz-weißen Röhrenbilder, deren Bildelemente illusionistisch oder in Form der Shaped Canvas den Rahmen sprengen, zählen zu den frühen Höhepunkten ihrer Arbeit.

Als sie 1977 schließlich zur documenta 6 eingeladen wurde, beschäftigte sie sich bereits mit Mathematik, Zahlenreihen und den Schreib- und Ziffernsystemen verschiedener Kulturräume – ein ständig wachsendes Themenfeld, das ihr Schaffen über Jahrzehnte prägen und sich später um mythische Bildwelten erweitern sollte. Als Teil der Sektion „Malerei“ zeigte sie in Kassel zwei Rollbilder, die mithilfe chinesisch-japanischer Strichziffern komplexen Primzahlfolgen visuelle Gestalt verliehen.

Mields’ Faszination für Zahlenfolgen begegnet uns auch bei ihrem Grabmonument in der Künstlernekropole: Die Buchstaben der Inschrift markieren zugleich die Primzahlen zwischen 1 und 100.

Rune Mields setzte sich zeitlebens für die Repräsentation von Frauen in der Kunst ein. Im Jahr 2000 erhielt sie den Gabriele-Münter-Preis; zuletzt widmeten ihr das Kunstmuseum Bonn und das Aachener Ludwig Forum Einzelausstellungen zur Feier ihres 90. Geburtstags.

A woman dressed in black is sitting on the stone blocks of a minimalist monument
Rune Mields at the Kassel Artists' Necropolis, 1992, © documenta archive / Photo: Dieter Schwerdtle
Black-and-white portrait of the artist Rune Mields
Rune Mields,© documenta archiv / photo: Günter Mebusch