- documenta archiv
„Ich bin ein typisch italienischer Künstler. Wie die Futuristen suche ich nach Ganzheit, versuche alles zu durchdringen. Was ich erstrebe, ist die ‚Arte Totale‘, eine Art Wagnersches Gesamtkunstwerk.“
Vor großen Gesten und noch größeren Dimensionen schreckte der italienische Video- und Installationskünstler Fabrizio Plessi nie zurück. Seinen internationalen Durchbruch erlebte er 1987, als er zur documenta 8 den Tiber aus Rom nach Kassel brachte und ihn virtuell durch den Apollosaal der Orangerie strömen ließ. Am vergangenen Sonntag ist Plessi im Alter von 86 Jahren unweit von Venedig gestorben – jener Stadt, die ihn als Student an der dortigen Accademia di Belle Arti prägte und ihm das Leitmotiv seines künstlerischen Werkes schenkte: das Wasser.
„Das Wasser hat für mich metaphorische Qualität. Es ist für mich Inbegriff von Bewegung, Energieträger und Transportmittel für die verschiedensten Substanzen und Objekte. Das gleiche trifft für mich auf das Video zu. Es ist Transportmittel für Ideen.“
Am Anfang seiner Karriere standen Performances und Aktionen mit teils neo-dadaistischem Zug: Plessi sperrte Wasser in Käfige, zertrennte Flüsse und Seen mit der Handsäge, stanzte mit Hammer und Nagel unsichtbare geometrische Spuren in die Wässer eines Flusses. Ganz im Sinne von Claes Oldenburgs Devise Objects into Monuments entwarf er zudem einen künstlerischen Rettungsplan gegen das Hochwasser in Venedig: Spugna D’Emergenza (1970), ein in Fotocollagen visioniertes System schwimmender Schwammskulpturen im Monumentalformat, die dem Acqua Alta mit Saugkraft entgegenwirken und im Ernstfall die Lagune trockenlegen sollten. In diese Zeit fiel auch seine Kooperation mit der Klangkünstlerin und späteren documenta Teilnehmerin Christina Kubisch, etwa die Video-Performance Liquid Piece (1975), ein Stück für Flöte und 250 Gläser Wasser.
Ab den 1980er Jahren rückten Video und Installation in den Vordergrund – die Kreisläufe des Wassers fließen in Plessis Schauspiel der Elemente fortan in virtuellen Licht-Strudeln über die Bildschirme zunehmend raumgreifender, von der Materialästhetik der Arte Povera geprägter Mixed-Media-Installationen. Geradezu folgerichtig wurden atmosphärisch effektvolle Bühnenbilder für Oper und Theater zu einem künstlerischen Spielbein seiner Arbeit.
Die eigens für Manfred Schneckerburgers documenta 8 konzipierte Rauminstallation Roma, aus der später eine Werkserie über internationale Metropolen hervorging, avancierte zu einem seiner Schlüsselwerke. In Kassel verwandelte er den zentralen Saal der Orangerie in ein perpetuum mobile der Geschichte. Er tauchte die Wände in pompejanisches Rot und zeichnete mit 36 auf dem Rücken liegenden, von weißgrauen Travertinplatten umrahmten Monitoren die offene Kreisform des barocken Petersplatzes im Vatikan nach. Über die Bildschirme flimmerten die blauen Wellen des elektronisch animierten Tibers, während ein Förderband imaginäre Gesteinsbrocken – Sinnbild für Aufstieg und Verfall der ewigen Stadt – in regelmäßigen Abständen in die virtuellen Fluten stürzen ließ.
Fabrizio Plessi war über Jahrzehnte wiederkehrender Gast bei der Biennale in Venedig, stellte bei der Biennale in São Paulo aus und schuf für die Expo 2000 in Hannover mit Mare Verticale eine 44 Meter hohe architekturgebundene Videoinstallation für den italienischen Pavillon. Von 1990 bis 2000 hatte er den Lehrstuhl für „Humanisierung der Technologien und Elektronische Szenografie“ an der Kunsthochschule für Medien Köln inne.
Im kommenden Jahr zeigen das documenta archiv und das Museo Goethe di Goethe in Rom eine gemeinsam kuratierte Schau über die Präsenz italienische Künstler*innen auf der documenta – an Fabrizio Plessis spektakuläre Kasseler Installation wird auch in Rom erinnert.
