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„Bildröhren anstelle der Leinwand“ – mit diesem Leitsatz trat Wulf Herzogenrath 1977 vor die Fernsehkameras, um dem Publikum die noch junge Videokunst der documenta 6 näherzubringen. Mit seiner niederschwelligen Anmoderation gelangten visionäre Video-Arbeiten wie Nam June Paiks Global Groove auf die heimischen Bildschirme und verwandelten Wohnzimmer in temporäre Aufführungsorte: ein eigenes Stück documenta, Kunst- und Fernsehgeschichte. Rückblickend lässt sich kaum eine Formel finden, die sein Wirken als Förderer und Vermittler der Medienkunst prägnanter zusammenfasst. Auch später zeigte er als Direktor der Bremer Kunsthalle eindrucksvoll, dass die Kunst der Gegenwart „Mehr als Malerei“ ist – wie der Titel eines seiner Bücher lautete.
Schon während seiner Zeit am Kölnischen Kunstverein, dessen Leitung er 1973 mit 28 Jahren als jüngster Direktor der Bundesrepublik übernahm, bewies Herzogenrath besonderes Gespür für experimentelle Kunstformen und verwandelte den traditionsreichen Ausstellungsort zu einem Hotspot der jungen rheinischen Kunstszene: Nam June Paik zeigte dort seine erste Retrospektive, und die Gruppe Kraftwerk sorgte mit elektronischer Musik für Aufsehen.
Als Teil des kuratorischen Teams der documenta 6 um Manfred Schneckenburger verantwortete Herzogenrath die Video-Sektion im Dachgeschoss des Fridericianum und ebnete der jungen, in Ausstellungen noch kaum etablierten Kunstform den Weg in die Museen: Raumgreifende Video-Installationen von sechs Künstlerinnen und sieben Künstlern machten den provisorisch unter den Dachschrägen eingerichteten Ausstellungsort zu einem der ungewöhnlichsten Schauplätze der documenta. Die dort von ihm eingerichtete Videothek lud dazu ein, Videotapes von 50 Künstler*innen am Tresen zu entleihen und auf Röhrenfernsehern in Video-Kojen einzusehen.
Der Erfolg der Video-Sektion öffnete nicht nur den beteiligten Künstler*innen Türen – Herzogenrath selbst wurde in der Folge als aussichtsreicher Kandidat für die Künstlerische Leitung der documenta gehandelt und zur documenta 8 (1987) erneut in das Kernteam berufen. Diesmal widmete er sich der Einbeziehung der Klangkunst und neuen Strategien der Breitenwirksamkeit – der Kunst als Einheit von Ernst und Unterhaltung.
An allen Stationen seiner mehr als 50 Jahre umspannenden Karriere zählte Herzogenrath zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Kunst- und Museumslandschaft. Seit 2006 war er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Die Sammlung der Bremer Kunsthalle hat er von 1994 bis 2011 mit seiner kuratorischen Handschrift und zahlreichen hochkarätigen Erwerbungen entscheidend geprägt – darunter der Video-Synthesizer von Nam June Paik (1969) und die Ton- und Lichtinstallation Essay von John Cage, die er 1987 bereits auf der documenta gezeigt hatte.
Wulf Herzogenrath ist am 18. Juni im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.
Birgitta Coers, documenta archiv:
Mit Wulf Herzogenrath verliert die documenta einen ihrer wichtigsten Kuratoren, das documenta archiv eine zentrale historische Stimme und einen stets offenen Gesprächspartner. Herzogenrath hatte der internationalen Medien- und Klangkunst seit den 60er Jahren eine breite Öffentlichkeit verschafft. Noch im November letzten Jahres erzählte er anlässlich unserer gemeinsam mit dem documenta forum veranstalteten Kasseler Konferenz eindrücklich über seine Zusammenarbeit mit Pionieren der Klanginstallation wie Max Neuhaus und John Cage.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau und seiner Familie.
