- documenta
„Das Problem ist nicht der Gegenstand auf dem Bild, sondern das Bild als Gegenstand.“ (Georg Baselitz)
Am 30. April ist der Maler und Bildhauer Georg Baselitz im Alter von 88 Jahren gestorben. Er zählte mit seinen Bildern einer auf dem Kopf stehenden Welt zu den international erfolgreichsten deutschen Künstlern.
1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz (Oberlausitz) geboren, begann er 1956 an der Ost-Berliner Kunsthochschule Weißensee bei Walter Womacka (1925–2010) zu studieren: Wegen ideologischer Unzuverlässigkeit und „gesellschaftlicher Unreife“ wurde er schon nach zwei Semestern der Hochschule verwiesen und wechselte nach West-Berlin an die Hochschule der Bildenden Künste – heute UdK – zu Hann Trier (1915–1999), bedeutender Vertreter des Informel und mehrfacher documenta Teilnehmer.
Unter dem Künstlernamen Georg Baselitz proklamierte er mit Eugen Schönebeck in den „Pandämonischen Manifesten“ die Abkehr von der Abstraktion, bevor ihn ein – gut kalkulierter – Kunstskandal unter dem Stichwort des Obszönen ins Licht der Öffentlichkeit katapultierte: Seine erste Berliner Einzelausstellung 1963 endete mit der polizeilichen Beschlagnahmung zweier als pornografisch empfundener Werke. Der Gerichtsprozess um „Die große Nacht im Eimer“ und „Nackter Mann“ schlug bundesweit Wellen und wurde, mit Verweis auf die „Freiheit der Kunst“, auch in der Hessischen Allgemeinen in Kassel aufmerksam verfolgt.
Seit 1972 erhielt Baselitz regelmäßig Einladungen zur Kasseler documenta. Harald Szeemann, Manfred Schneckenburger und Rudi Fuchs setzten auf seine großformatige, expressive Malerei, deren charakteristische Motivumkehr einen eigenwilligen Mittelweg zwischen Figuration und Abstraktion markiert. Für einen kurzzeitigen Eklat sorgte der medienwirksame Abzug seiner Gemälde am Eröffnungstag der documenta 6 (1977). Wie Markus Lüpertz und A.R. Penck lehnte er es ab, neben „Staatskünstlern“ aus der DDR gezeigt zu werden.
1980 erfand sich Baselitz noch einmal neu: Im Deutschen Pavillon trat er erstmals mit einer monumentalen Holzplastik (Modell für eine Skulptur, 1980) auf. Mit Beil und Kettensäge formte er Baumstämme zu bemalten Figurationen, die künftig fester Bestandteil seiner Arbeit wurden.
Die biografisch begründete Auseinandersetzung mit den Traumata deutscher Geschichte, mit nationalen Symbolen und der NS-Vergangenheit spielte seit den 1960er und 1970er Jahre eine zentrale Rolle in seinem Werk.
Während der Kanzlerschaft Gerhard Schröders avancierte die gestische „Fingermalerei / Adlerpartitur“ (1972) – ein kopfüber segelnder Adler auf himmelblauem Grund – zum Signum der politischen Ikonografie des Landes.
Baselitz internationale Anerkennung in zahlreichen Preisen und Ehrungen, darunter der Goslarer Kaiserring (1981) und der Praemium Imperiale der Japan Art Association (2004) – eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen im Feld der bildenden Kunst.
